DOMINIKA BEDNARSKY & PAUL K. MÜLLER
WILL-O‘-WISP
von Verena Osthoff
Als Irrlicht (englisch will-o’-wisp) bezeichnet man ein flackerndes Leuchten, das in Mooren, Sümpfen oder an Waldrändern erscheint: ein schwebendes, kaum fassbares Licht, das Orientierung verspricht und sie zugleich entzieht. In der Folklore und im Aberglauben wird ihm eine zwielichtige Natur zugeschrieben. Mal gelten Irrlichter als Seelen Verstorbener, die keine Ruhe finden oder für vergangene Taten büßen müssen. Häufiger jedoch erscheinen sie als Werk von Kobolden, Naturgeistern oder Dämonen, als Wesen, die Reisende vom Weg abbringen, sie tiefer ins Moor locken oder im Wald in die Irre führen.

Ausstellungsansicht
Foto: Valentin Wedde
Dieses Motiv des Verführens und Entgleitens, des Lockens und Verschwindens, beschreibt einen Zustand des Dazwischen: eine schwebende Existenz zwischen Sichtbarkeit und Auflösung, zwischen Versprechen und Gefahr. Das Irrlicht ist unheimlich und zugleich von eigentümlicher Schönheit – teuflisch vielleicht, aber auch verspielt in seinem Flackern.
Diese nicht festzuhaltenden Erscheinungen spiegeln sich auch in den Figuren der Arbeiten von Paul K. Müller, die größtenteils während seiner Residency im Studio Hanniball entstanden sind. Sie beginnen oft mit scheinbar einfachen, flächigen Hintergründen: Horizonte, dunkle Felder, stofflich anmutende Flächen, monochrome Räume. Doch je länger man schaut, desto mehr geraten diese Gründe in Bewegung. Wellen, Schlieren und dichte Strukturen, manchmal noch atmend wirkende Oberflächen öffnen eine Bildwelt hinter der Fläche. Der Bildgrund ist hier kein flacher Hintergrund, sondern fungiert als Bühne, Wetterlage oder Erinnerungsspeicher.
In diesen erscheinen einzelne Elemente wie Objekte, Fragmente, Schriftzüge oder Wesen und man meint sie auch direkt zu erkennen: der Zaun vor dem Grundstück, die Mauer, die überwunden werden muss, bevor es in das gut bekannte Waldstück hineingeht, eine Figur, von der wir uns so oft erzählten, dieses eine Zeichen. Sie wirken alle wie Fundstücke aus Geschichten, die man einmal gehört hat, wie Bilder aus Texten, Träumen oder beiläufigen Beobachtungen. Müller sammelt Versatzstücke aus Erzählungen, Räumen und Alltagsmomenten und setzt sie so zusammen, dass Bedeutung aufscheint, aber nie festgeschrieben wird. Manchmal wie in einem Märchen, dessen Logik man fühlt, ohne sie ganz erklären zu können und man folgt ihnen wie einem Licht in der Ferne – in der Hoffnung auf Orientierung, wenngleich wissend um die Möglichkeit der Irreführung. Jene Zäune und Mauern markieren keine Grenzen, sondern bleiben durchlässig. Dahinter scheint etwas zu liegen – erreichbar, wenn auch nicht vollständig sichtbar. Die Figuren tauchen als Rauch, Punkte, Schatten oder Verdichtungen auf, ein wenig heimelig und leicht unheimlich zugleich entsteht eine Atmosphäre, die an Geschichten, Sagen und halb vergessene Kindheitsbilder erinnert.
Auch in der Literatur tauchen Irrlichter immer wieder auf. In der Walpurgisnacht von Goethes Faust flackern sie als geisterhafte Begleiter durch die Szenerie – verführerisch, schelmisch, unberechenbar. Ältere Gedichte und Lieder verweisen auf ihre Ortsgebundenheit an Moore, Sümpfe und Friedhöfe und betonen ihre zwielichtige Natur: zwischen Mahnung und Magie, Aberglauben und Poesie.
Dominika Bednarskys keramische Arbeiten setzen dazu leuchtende, eigenwillige Kontrapunkte. Ihre Kerzenständer greifen Motive aus Stillleben und Vanitas-Darstellungen auf und kippen sie ins Spielerische und Absurde. Der Kerzenständer ist ein einfacher Gebrauchsgegenstand – und zugleich stark aufgeladen: mit religiösen Bildern, mit Feierlichkeit, mit Vergänglichkeit, aber auch mit dem Übergang vom Diesseits ins Jenseits. Die abbrennende Kerze, das schummrige Licht zwischen Hell und Dunkel, ist ein uraltes Motiv. Bei Bednarsky jedoch werden diese Formen überraschend verschoben: Goldene Anmutung trifft auf Hartweizengrieß. Pasta wird zu Ornament, Statussymbol zu Teigware. Der vermeintliche Wert beginnt zu wackeln, Symbolik wird unterlaufen – mit Humor, aber nicht ohne Nachhall. Bednarskys neue Arbeiten stehen in einer Pasta-Linie mit dem Pokal für den „besten Pasta-Esser“ aus ihrer Serie der Trophäen für absurde Talente und erinnern zugleich an die Pasta-Ringe, in denen Wert und Material bereits genussvoll kollidierten.
Was bleibt, ist kein eindeutiges Narrativ, sondern ein Flackern. Ein Moment der Unsicherheit und Bewegung. Wie ein Irrlicht entzieht sich die Bedeutung im selben Augenblick, in dem sie aufscheint. Geschichten sind nicht gradlinig, und nicht selten sind es gerade die phantastischen Dinge, die sich als besonders wirklich erweisen.
DOMINIKA BEDNARSKY & PAUL K. MÜLLER
WILL-O‘-WISP
by Verena Osthoff
A will-o‘-the-wisp (German: Irrlicht) refers to a flickering glow that appears in moors, swamps, or at the edges of forests: a hovering, elusive light that promises orientation and simultaneously withdraws it. In folklore and superstition, an ambiguous nature is attributed to it. Sometimes will-o‘-the-wisps are considered the souls of the deceased who find no rest or must atone for past deeds. More often, however, they appear as the work of goblins, nature spirits, or demons; beings that lead travelers off the path, lure them deeper into the moor, or lead them astray in the forest.

Paul K. Müller:
Gleich passiert was (2025)
acrylic on canvas,
60 x 50 cm.
Foto: Valentin Wedde
This motif of seduction and slipping away, of luring and vanishing, describes a state of a hybridity: a suspended existence between visibility and dissolution, between promise and danger. The will-o‘-the-wisp is eerie and at the same time possessed of a peculiar beauty, devilish perhaps, but also playful in its flickering.
These ungraspable appearances are also reflected in the figures of the works by Paul K. Müller, most of which were created during his residency at Studio Hanniball. They often begin with seemingly simple, flat backgrounds: horizons, dark fields, surfaces with a tactile feel, monochrome spaces. Yet the longer one looks, the more these grounds set into motion. Waves, streaks, and dense structures, surfaces that sometimes still seem to breathe, open up a visual world behind the surface. Here, the pictorial ground is not a flat background but functions as a stage, a weather condition, or a memory store. Within these, individual elements such as objects, fragments, lettering, or beings appear, and one believes to recognize them directly: the fence in front of the property, the wall that must be overcome before entering the well-known piece of woodland, a figure we told each other about so often, this one particular sign. They all seem like found objects from stories one has heard before, like images from texts, dreams, or casual observations. Müller collects fragments from narratives, spaces, and everyday moments and assembles them in such a way that meaning emerges but is never codified. Sometimes it is like in a fairy tale whose logic one feels without being able to fully explain it, and one follows them like a light in the distance in the hope of orientation, though knowing the possibility of being misled. Those fences and walls do not mark boundaries but remain permeable. Something seems to lie behind them; attainable, even if not fully visible. The figures emerge as smoke, dots, shadows, or condensations; a slightly cozy and simultaneously somewhat eerie atmosphere arises, reminiscent of stories, legends, and half-forgotten childhood images.
Will-o‘-the-wisps also appear repeatedly in literature. In the Walpurgisnacht of Goethe‘s Faust, they flicker through the scenery as ghostly companions; seductive, mischievous, unpredictable. Older poems and songs refer to their localization in moors, swamps, and graveyards, emphasizing their ambiguous nature: between warning and magic, superstition and poetry.
Dominika Bednarsky’s ceramic works provide luminous, idiosyncratic counterpoints to this. Her candlesticks take up motifs from still lifes and vanitas representations and tip them into the playful and the absurd. The candlestick is a simple everyday object and at the same time highly charged: with religious imagery, with solemnity, with transience, but also with the transition from this world to the hereafter. The burning candle, the dim light between brightness and darkness, is an ancient motif.
With Bednarsky, however, these forms are unexpectedly shifted: a golden appearance meets semolina. Pasta becomes ornament, a status symbol turns into a pasta product. The presumed value begins to waver, symbolism is undermined with humor, but not without resonance. Bednarsky‘s new works stand in a „pasta line“ with the trophy for the „best pasta eater“ from her series of trophies for absurd talents, while imultaneously recalling the pasta rings in which value and material already enjoyably collided.
What remains is not an unambiguous narrative, but a flickering. A moment of uncertainty and movement. Like a will-o‘-the-wisp, meaning eludes us at the same moment it appears. Stories are not linear, and it is often precisely the fantastic things that prove to be particularly real.