HENRI HAAKE & SEUNGJUN LEE
tides and traces

von Verena Osthoff

In Zusammenarbeit mit Office Impart zeigt Studio Hanniball tides and traces mit Henri Haake und Seungjun Lee. Zwei künstlerische Positionen treffen aufeinander, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der Flüchtigkeit von Erinnerungen und Momenten befassen – Haake als Galerieposition von Office Impart, Lee als freie kuratorische Einladung von Studio Hanniball.

Ausstellungsansicht:

Henri Haake (Triptychon):
Chorus (2025)
oil, medium transfer, salt and sand on canvas, 197 x 334 cm (framed) / 197x167cm (folded).

Seungjun Lee:
IT WAS, IT IS, AND IT WILL BE (erste Form für Installation im Jahr 2022)
Sandburg, Installation in situ, verschiedene Größen.

Die Ausstellung widmet sich dem Spannungsfeld zwischen dem Ephemeren und dem Bleibenden. Es geht um jene flüchtigen Szenen, die sich in unser Gedächtnis brennen –  manchmal klar umrissen, manchmal nur als Fragment. Erinnerungen, die sich mit der Zeit verändern, überlagern, neu zusammensetzen.

Henri Haake nähert sich diesen inneren Bildern mit erzählerischer Leichtigkeit. Seine Arbeiten erinnern an mentale Schnappschüsse. Was beiläufig wirkt, ein alltäglicher Moment, wie am Brunnen spielende Kinder, erhält etwas poetisches, als würde man durch ein inneres Objektiv heranzoomen und das Flüchtige in einer neuen Schärfe wahrnehmen.

Wie verändern sich Perspektiven auf unsere Umgebung? Unser Blick auf ein Eichenblatt in der Pfütze, auf die Erde aus dem All oder auf das Leben selbst? Überfülle an Information führt zu Überlagerung, vielleicht zu Überforderung des Gedächtnisses, am Ende zur Auflösung.

Diesen Prozessen geht Haake ganz wertfrei nach: durch Verwässern und Verschwimmen, durch Heranzoomen bis zur Essenz der Form oder Herauszoomen bis ins Nichts – von der kleinen Pfütze bis zur Weite der Milchstraße.

Wie die Brunnenszene werden erste Szenen auf der Leinwand überlagert. Figuren tauchen auf, werden schichtweise übermalt und bleiben doch bestehen. So entsteht ein visuelles Gedächtnis, in dem nichts gänzlich gelöscht wird, sondern alles miteinander verwoben bleibt, mal mehr, mal weniger sichtbar. Figuratives wird zur Auflösung gebracht, Aufbau und Zerstörung gehen ineinander über.

Haake verbindet dabei neben dem klassischen Öl auf Leinwand verschiedene Techniken, wie Medientransfer auf Leinwand, pigmentlose Ölpastenschichten oder Sand. Das Triptychon, eine seiner Bildformen, spielt mit dem Erzählen in Sequenzen, wie vom Leben zwischen (Memlings) Mutter mit Kind und dem Ursprung bis zum (Lübecker) Totentanz und dem Vergehen. (Chorus, 2025)  Ikonographische Motive, wie die Maria mit Kind, erscheinen neu kontextualisiert, als würden sie durch die Gegenwart hindurch noch einmal erzählt.

Dabei tragen seine Bilder immer die Bewegung des Entstehens in sich. Jede Schicht erzählt eine Geschichte, die nicht abgeschlossen, sondern offen bleibt. Fließend wie das Wasser, welches seine Arbeiten wie ein stiller Rhythmus durchzieht, macht Haake Erinnerung und Veränderung sichtbar.

Seungjun Lee widmet sich eben jenem Thema in seinen Installationen mit Sand – einem Medium, das per se instabil ist, das keinen festen Halt bietet, sich verteilt, zerfällt, aber auch stimuliert und eine besondere Sinnlichkeit entfaltet. Sand speichert Spuren, ohne sie zu fixieren: ein Schritt, ein Abdruck, eine Bewegung – alles bleibt sichtbar, aber nur für kurze Zeit.

Erinnerungen sammeln sich und lagern sich ab wie Sedimente an einem Ort. Sie werden mehr, verdichten sich, brechen auf, stürzen ein und formieren sich neu. Was in einem Moment vielleicht mit Sehnsucht oder Angst verbunden war, bekommt in einer anderen Situation eine neue Bedeutung. Erinnerungen sind nicht abgeschlossen, sondern ständig in Bewegung – sie verändern sich mit jeder Erfahrung, mit jedem Blick, werden in neuen Kontexten neu bewertet, sind ständig neuen Einflüssen ausgesetzt. Sie sind nicht nur visuell geprägt, sondern auch eng mit anderen Sinneseindrücken verbunden, etwa mit Berührungen, Gerüchen oder Geräuschen und sind oft an einen Ort gebunden.

Lees Arbeiten machen diesen Prozess räumlich und körperlich erfahrbar. Sand, der verrinnt, der durch die Finger gleitet, verweist auf die Unmöglichkeit, etwas festzuhalten – und zugleich auf die Spuren, die dennoch bleiben.

In diesem Wechselspiel von Stabilität und Auflösung wird Erinnerung zu einer Bewegung, die zugleich Halt gibt und wieder entgleitet. Sie schafft Anker, Orte der Geborgenheit, und bleibt doch fluide, wie ein Fluss, der bergab ins Meer zieht, über Gestein hinweg, das er erodiert, bis nur noch Sand bleibt. Dieser verdichtet sich neu, tritt sich fest, wird wieder zu Stein – und der Kreislauf beginnt von vorn.

Statt Erinnerungen als statisches Archiv zu begreifen, zeigen die Arbeiten sowohl von Henri Haake als auch von Seungjun Lee sie als dynamischen, formbaren Prozess. Beide künstlerischen Positionen verbinden visuelle Sensibilität mit poetischer Offenheit – zwischen Konkretion und Auflösung, zwischen Präsenz und Verschwinden.

HENRI HAAKE & SEUNGJUN LEE
tides and traces

by Verena Osthoff

In collaboration with Office Impart, Studio Hanniball presents tides and traces with Henri Haake and Seungjun Lee. Two artistic positions meet, each approaching the fleeting nature of memories and moments from different perspectives – Haake as the gallery’s position through Office Impart, Lee as an independent curatorial invitation by Studio Hanniball.

Henri Haake:
Staging (2025)
oil and sand on canvas, 195 x 165cm.

The exhibition is dedicated to the tension between the ephemeral and the enduring. It is about those fleeting scenes that imprint themselves on our memory – sometimes sharply defined, sometimes only as fragments. Memories that shift over time, overlap, and continually reassemble.

Henri Haake approaches these inner images with narrative ease. His works recall mental snapshots. What may seem casual – an everyday moment such as children playing at a fountain – acquires a poetic quality, as if viewed through an inner lens that brings fleeting impressions into sharper focus.

How do perspectives on our surroundings change? Our gaze at an oak leaf in a puddle, our view of the Earth from space, or life itself? An excess of information leads to overlap, perhaps to memory overload, and ultimately, to dissolution.

Haake explores these processes in a non-judgmental manner: through dilution and blurring, through zooming into the essence of form or zooming into nothingness – from the small puddle to the vastness of the Milky Way.

Like the fountain scene, the first images on the canvas evolve. Figures appear, are painted over in layers, and yet persist. A visual memory emerges in which nothing is ever completely erased, but everything remains interwoven, sometimes more, sometimes less visible. Figurative elements move toward dissolution; construction and destruction merge.

Alongside classic oil on canvas, Haake combines various techniques such as media transfers on canvas, pigmentless oil paste layers, or sand. The triptych – a recurring form in his work – plays with sequential storytelling, ranging from (Memling’s) mother with child and origins to (Lübeck’s) dance of death and transience (Chorus, 2025). Iconographic motifs, such as the Mary with Child, are recontextualized, as if retold through the lens of the present.

His paintings always embody the movement of creation. Each layer tells a story that remains open-ended. Flowing like the water that pervades his works with a silent rhythm, Haake renders memory and change visible.

Seungjun Lee addresses this theme in his installations with sand – a medium inherently unstable, offering no firm footing, spreading and disintegrating, yet simultaneously stimulating and unfolding a unique sensuality. Sand retains traces without fixing them: a step, an imprint, a movement – each remains visible, but only briefly.

Memories gather and settle like sediments in a place. They accumulate, condense, break apart, collapse, and reform. What may once have been bound to longing or fear takes on new meaning in another situation. Memories are never static but constantly in flux – shifting with each experience, each gaze, continuously reinterpreted in new contexts, exposed to ongoing influences. They are not only visually shaped but are deeply tied to other sensory impressions – touch, smell, sound – and often anchored to place.

Lee’s works make this process spatially and physically tangible. Sand slipping through your fingers alludes to the impossibility of holding on to something, while simultaneously referencing the traces that, despite everything, remain.

In this interplay of stability and dissolution, memory becomes a movement that offers grounding yet slips away again. It creates anchors, places of comfort, and yet remains fluid – like a river flowing downhill into the sea, eroding rock until only sand is left. The sand compacts anew, hardens into stone, and the cycle begins again.

Instead of treating memory as a static archive, the works of both Henri Haake and Seungjun Lee reveal it as a dynamic, malleable process. Both artistic positions combine visual sensitivity with poetic openness – balancing between concretion and dissolution, presence and disappearance.

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