MARCO REICHERT
DEEP DREAM
von Verena Osthoff
Wenn Mensch und Maschine beginnen, miteinander zu kommunizieren, öffnet sich ein Raum von Möglichkeiten. Marco Reichert hat diesen Raum betreten und ihn zu seinem künstlerischen Terrain gemacht. Er bewegt sich zwischen malerischer Geste und den präzisen, algorithmischen Entscheidungen einer künstlichen Intelligenz. Was zunächst als technisches Experiment begann, entwickelte sich zu einer künstlerischen Zusammenarbeit: ein fortlaufender Dialog mit einem System, das lernt zu antworten und mitzuwirken, aber auch Fehler macht – und dem Künstler zunehmend Werkzeug zur Verfügung stellt.

Marco Reichert:
Untitled (2025)
Oil and glue paint on canvas, 150 x 200cm.
Das Programm, mit dem Reichert arbeitet, hat er gemeinsam mit einer KI entwickelt. Dieses verfeinert er kontinuierlich und trainiert es auf ein wachsendes “Gespür” für seine künstlerische Sprache. Das KI Programm macht Vorschläge, denkt Ideen weiter und übernimmt die Rolle eines Vermittlers oder Übersetzers. Doch es versteht dabei nicht, was es tut. Es erkennt Muster, identifiziert Strukturen – aber kennt weder Bedeutung noch Gefühl, weder Intuition noch Absicht. Genau hier entsteht das Spannungsfeld: Der Rechner liefert terabyteweise Formen, der Künstler verleiht ihnen Sinn. Er interagiert mit dem System, interpretiert das Generierte und gibt gezielte Impulse, um seine Vision zu realisieren.
Was bedeutet eine Rundung? Ist sie Ausdruck von Weichheit, von etwas Lebendigem, Organischem? Und wie verhält es sich mit einer Kante – wirkt sie konstruiert, technisch, architektonisch? Formen sind niemals neutral. Sie tragen Bedeutung, rufen Assoziationen hervor, sind geprägt durch unsere Erfahrungen. Wenn ein Mensch eine Form erschafft, dann immer als Reaktion auf etwas Erlebtes oder Gesehenes – selbst in der Abstraktion bleibt sie mit der Realität verbunden.
Die KI hingegen folgt einem anderen Prinzip: Sie erkennt Muster auf Basis großer Bilddatensätze, klassifiziert sie statistisch, verstärkt und wiederholt sie – nicht, weil sie sie versteht, sondern weil sie als signifikant erscheinen. Programme wie „Deep Dream“ von Google übersteigern erkennbare Bildelemente und werden so genutzt, um neue ästhetische Ansätze zu entwickeln. Als sogenannte „schwache KI“ bleibt ihr der Zugang zur Bedeutung verwehrt.
Das eigens entwickelte Programm steuert eine Maschine, die Farben auf die Leinwand bringt. Dabei entstehen Reicherts Arbeiten nicht auf neutralem Grund: Fast immer verwendet er ausrangierte Leinwände, deren Rückseiten von durchgedrungenen Farbschichten früherer Arbeiten geprägt sind. Diese Schichten bilden das Fundament, auf dem die Maschine neue Strukturen aufbaut – gelenkt vom Programm, das die Farbaufträge bestimmt. Die Verwendung von Leimfarbe mit geringer Deckkraft verstärkt die Tiefenwirkung der Werke und schafft durch die Schichtungen eine visuelle Räumlichkeit, die viel mehr gewachsen als konstruiert erscheint.
Was entsteht, wirkt alles andere als maschinell: Die Materialität der Leimfarbe, die Struktur des Untergrunds, das Wechselspiel von Tiefe und Fläche erzeugen eine visuelle Komplexität, die körperlich erfahrbar wird. Auch sogenannte Fehlermomente spielen eine zentrale Rolle: Wenn Farbe kleckst, zu viel oder zu wenig aufgetragen wird, wenn die Maschine ins Stocken gerät – dann entstehen Störungen, die nicht als Defekte, sondern als kreative Impulse im künstlerischen Prozess verstanden werden.
Die Formen in Reicherts Arbeiten scheinen oft figürlich, bleiben jedoch abstrakt. Was dem menschlichen Betrachter als intuitives Spiel aus Struktur, Volumen und Geste erscheint, ist für das Programm eine Abfolge numerischer Wahrscheinlichkeiten. In der Spannung zwischen subjektiver Wahrnehmung und digitaler Präzision liegt der besondere Reiz von Reicherts Werk – eine Kunst, die sich im offenen Dialog zwischen Maler und Maschine immer wieder neu entfaltet.
MARCO REICHERT
DEEP DREAM
by Verena Osthoff
When man and machine begin to communicate with each other, a space of possibilities opens up. Marco Reichert has entered this space and made it his artistic terrain. He moves between painterly gestures and the precise, algorithmic decisions of artificial intelligence. What initially began as a technical experiment developed into an artistic collaboration: an ongoing dialogue with a system that learns to respond and cooperate, but also makes mistakes – and increasingly provides the artist with tools.

Marco Reichert: Untitled (2025)
Oil and glue paint on canvas, 100 x 135 cm.
Reichert developed the program he uses in collaboration with an AI, continuously training and refining it to gain a deeper understanding of his artistic language. The AI begins to offer suggestions and develop ideas, always acting as a mediator or translator. However, it does not comprehend its actions. It recognizes patterns and identifies structures, but lacks meaning, emotion, intuition, or intention. This is where the tension arises: the computer delivers terabytes of forms, while the artist imparts meaning. Reichert interacts with the system, interprets its outputs, and gives specific impulses to realize his vision.
What does a curve signify? Is it an expression of softness, or something alive and organic? Conversely, what about an edge – does it seem constructed, technical, or architectural? Shapes are never neutral; they carry meanings, evoke associations, and are shaped by our experiences. When a person creates a shape, it is always a response to something they have encountered or observed – even in abstraction, it remains connected to reality.
AI, however, operates on a different principle. It identifies patterns based on large image datasets, statistically classifies them, and amplifies and repeats them – not out of understanding, but because they seem significant. Programs like Google’s ‘Deep Dream’ exaggerate recognizable image elements and are used to explore new aesthetic approaches. As a type of ‘weak AI’, it cannot access meaning.
The specially designed program controls a machine that applies paint to the canvas. Reichert‘s works do not emerge on neutral grounds; he almost always utilizes discarded canvases, the backs of which are marked by layers of paint from previous works. These layers form the foundation on which the machine creates new structures, guided by the program that determines the application of paint. The use of glue paint with low opacity enhances the depth of the works, creating a visual spatiality through the layering that seems more organic than constructed.
What emerges is anything but mechanical: the materiality of the distemper, the texture of the background, and the interplay of depth and surface generate a visual complexity that can be physically experienced. Moments of error also play a central role; when paint splatters, when too much or too little is applied, or when the machine falters, disturbances arise that are not seen as defects but as creative impulses in the artistic process.
The forms in Reichert‘s works often appear figurative yet remain abstract. What a human viewer perceives as an intuitive interplay of structure, volume, and gesture is merely a sequence of numerical probabilities for the program. The unique appeal of Reichert‘s work lies in the tension between subjective perception and digital precision – an art that constantly unfolds anew through the dynamic dialogue between painter and machine.