STEFAN HIRSIG
BLICK

Galerie Haverkampf Leistenschneider

 

Wo der Blick sich windet und wendet
eine Begegnung im Atelier von Stefan Hirsig

von Verena Osthoff

Der Blick auf das Chaos…
Wir treffen uns zu einem Zeitpunkt im Atelier, in dem noch nicht ein Bild für die anstehende Ausstellung „BLICK“ in der Galerie Haverkampf Leistenschneider fertig ist, die meisten jedoch hat der Maler bereits begonnen. Leinwände, kleine Formate, hängen dicht an dicht, jede in einem anderen Stadium des Werdens. Denn Stefan Hirsig malt nicht ein Bild nach dem anderen, sondern parallel, jede Idee, jeder Ansatz, jeder Gedanke, jede Erinnerung drängt, jede Leinwand ein eigener Kosmos, wo anfangen, wenn alles auf einmal da ist?
In ein anfängliches Chaos des Nichts, das gedanklich sortiert werden will, können nur zwei Farbstreifen, eine Struktur, Tiefe, einen Raum schaffen. Ein blauer Streifen lässt einen Horizont vermuten, ein sich verfließendes Grau eine erste Geste, noch ohne Ziel. Und aus jener ersten vermeintlichen Struktur entsteht ein neues abstraktes Chaos, aus Formen und Farben, die teils organisch gewachsen, teils collagenartig konstruiert sind, sich überlagern und wieder freigelegt werden. Und dann, nach und nach entwickelt sich etwas Figürliches aus all dem. Gesichter, Personen, Hände werden deutlich, die sich in diesen lebendigen Welten zurechtzufinden scheinen.
Noch ist es aber der Zustand des Denkens, des Sagens, des noch-nicht-Fertig-Seins, des Strukturierens und dabei haben die Bilder bereits ein Eigenleben begonnen, als warteten sie darauf, dass der Maler sie wieder aufgreift.
Jetzt gerade ist der Moment jenes Blickes, der nach innen gerichtet ist, der sich nach außen fortsetzen soll, auf Leinwand übersetzt werden will, gebündelt in Farbe, Form und Struktur.

Studio: Stefan Hirsig.
foto by Oliver Mark
(Bildausschnitt)

… der suchende Blick nach Ordnung …
Aus dem großen, alles durchdringenden Wirrwarr bahnt sich Hirsig seinen Weg zu den Inhalten der einzelnen Bilder. Nicht linear, nicht vorhersehbar, vielmehr tastend, suchend, hin- und herpendelnd zwischen Farben, Gesten, Gedanken und mit dem Ziel seine Figuren auf die Leinwand zu bringen, sie aus der abstrakten Grundlage hervortreten zu lassen, ihnen Gestalt zu geben. Figuren aus inneren Welten, etwas, das sich nicht festlegen lässt: ein „Bildwesen“, ein Zwischenzustand aus Gefühl, Gedanke, Erinnerung.
Formen tauchen auf, Strukturelemente, die Halt geben: Kreise und Spiralen, die sich winden, verdrehen und auflösen. Sie wiederholen sich, wie ein innerer Code, ein visuelles Gedächtnis. Man kann sich an ihnen festhalten, ihnen folgen, sich aber auch in ihnen verlieren. Der Blick taucht ein, verliert die Orientierung, findet neue Pfade. Das Auge tastet sich entlang dieser Ordnungen – und wird doch immer wieder in die Untiefen des Bildes zurückgezogen.
So ist die Suche nach Ordnung kein geradliniger Akt, sondern ein Winden zwischen Kontrolle und Freiheit, zwischen Struktur und Chaos, zwischen dem, was sich zeigt, und dem, was noch verborgen ist. Jede Figur, jeder Kreis, jede Linie ist zugleich ein Gerüst und ein Verschwinden, ein Angebot, das aufgenommen oder entgleiten kann – ein lebendiger Zwischenraum, in dem sich das Bild ständig neu erfindet.

… der Blick von der anderen Seite…
In einigen Arbeiten treten Figuren in Spiegelung zueinander auf – meist horizontal, manchmal vertikal. Zwei Gestalten stehen einander gegenüber, treffen sich im Zentrum des Bildes oder kippen voneinander weg, wie Narziss, der in seinem eigenen Bild versinkt. Doch Hirsigs Figuren sind keine Selbstverliebten; sie sind Suchende, Fragende, vielleicht Zweifelnde.
Die Spiegelung ist kein reiner Reflex, kein einfacher Symmetrieeffekt. Sie ist eine Form der Begegnung, ein Dialog zwischen zwei Seiten: Sie erkennen sich oder verfehlen einander, nähern sich an oder stoßen sich ab. Manchmal erscheinen die Figuren wie Varianten desselben Wesens, unterschiedliche Zustände eines Ichs, unterschiedliche Momente, die nebeneinander existieren.
Dualität ist bei Hirsig kein Gegensatz, und vor allem nicht statisch, sondern ein Werkzeug, ein Gerüst, an dem sich das Denken entlanghangelt. Gut und Böse, Licht und Dunkel, Seele und Körper – diese Paare dienen nicht als Grenzen, sondern als Orientierung. Zwischen ihnen entstehen die Zwischentöne, die Reibungen, die Brüche. Das Chaos wird nicht aufgelöst; es bleibt als vibrierende Spannung bestehen.
Vielmehr zeigt sich in den sich gegenüberstehenden Figuren Perspektivvielfalt: unterschiedliche Geschichten, unterschiedliche Blickwinkel und Bewegungen, welche die Komplexität und Dynamik innerer wie äußerer Welten sichtbar werden lassen.

… und der nach innen.
Unter der wilden Oberfläche seiner Bilder liegt eine Suche nach Struktur – nicht im Sinne eines Plans, sondern als Resonanz auf das, was die Welt vorgibt. Klare Formelemente tauchen in den Arbeiten auf, als Ordnungsversuche im Unübersichtlichen. Spiralen erinnern an Galaxien, Helixformen an den Bauplan des Lebens: überall teils sich wiederholende Muster, Bewegungen, die sich ähneln und doch unterscheiden.
In einer Welt, die von Chaos, Überforderung und Komplexität geprägt ist, scheint Hirsigs Malerei ein stilles Gegenüber zu suchen – einen Versuch, das Unfassbare zu ordnen, ohne es zu bändigen. Seine Bilder sind keine Antworten, sondern offene Fragen in Farbe. Wie viel Ordnung steckt im Chaos? Und wie viel Chaos in jeder Ordnung?
Das Malen selbst wird zum Nachdenken, zum Versuch, das Innere zu formen, ohne es zu fixieren. Ein offener Prozess. In Hirsigs Bildern wird die Bewegung des Denkens sichtbar, das Schwanken zwischen Struktur und Auflösung, zwischen Kontrolle und Loslassen.
Der Blick dieser Ausstellung ist also kein endgültiger. Er ist eine Bewegung zwischen Innen und Außen, zwischen Chaos und Struktur, zwischen Spiegelung und Erkenntnis. Er fragt nicht nach Vollendung, sondern nach Wahrnehmung.
Der Blick, den Hirsig malt, ist kein externer, kein beschreibender – es ist ein introspektiver Blick. Vielleicht liegt gerade darin die Kraft der Arbeiten: dass sie uns nicht etwas zeigen, sondern uns selbst in den Blick ziehen.

STEFAN HIRSIG
BLICK

Where the gaze wanders and turns
An encounter in Stefan Hirsig’s studio

by Verena Osthoff

Looking at the chaos…
We meet at the studio at a time when not a single painting for the upcoming exhibition “BLICK” at
Haverkampf Leistenschneider Gallery is finished, but the painter has already started most of them.
Canvases, small formats, hang close together, each in a different stage of completion. Stefan Hirsig does
not paint one picture after another, but rather in parallel, with every idea, every approach, every thought,
every memory pushing forward, each canvas its own cosmos. Where to begin when everything is there at
once?
In an initial chaos of nothingness that needs to be sorted out mentally, only two stripes of color can create
structure, depth, and space. A blue stripe suggests a horizon, a flowing gray a first gesture, still without a
destination. And from that first supposed structure, a new abstract chaos emerges, made up of shapes
and colors that are partly organic, partly collage-like, overlapping and then exposed again. And then, little
by little, something figurative develops from all of this. Faces, people, hands become clear, seeming to
find their way in these living worlds.
But it is still the state of thinking, of saying, of not yet being finished, of structuring, and yet the images
have already begun to take on a life of their own, as if waiting for the painter to pick them up again.
Right now is the moment of that gaze, which is directed inward, which is to be continued outward, which
wants to be translated onto canvas, bundled in color, form, and structure.

Stafan Hirisg in his studio.
foto by Oliver Mark.

… the searching gaze for order …
From the vast, all-pervading confusion, Hirsig makes his way to the content of the individual images. Not
in a linear, predictable manner, but rather tentatively, searching, oscillating between colors, gestures,
and thoughts, with the aim of bringing his figures onto the canvas, allowing them to emerge from the
abstract foundation, giving them form. Figures from inner worlds, something that cannot be defined: an
“image being,” an intermediate state of feeling, thought, memory.
Forms emerge, structural elements that provide support: circles and spirals that wind, twist, and
dissolve. They repeat themselves, like an inner code, a visual memory. One can hold on to them, follow
them, but also lose oneself in them. The gaze dives in, loses its bearings, finds new paths. The eye feels its
way along these orders—and yet is repeatedly drawn back into the depths of the image.
Thus, the search for order is not a straightforward act, but a winding between control and freedom,
between structure and chaos, between what is revealed and what is still hidden. Each figure, each circle,
each line is at once a framework and a disappearance, an offer that can be accepted or slip away—a living
interspace in which the image constantly reinvents itself.

… the view from the other side…
In some of his works, figures appear mirrored in relation to one another—usually horizontally, sometimes
vertically. Two figures stand opposite each other, meet in the center of the picture, or tilt away from each
other, like Narcissus sinking into his own image. But Hirsig’s figures are not self-absorbed; they are
seekers, questioners, perhaps doubters.
Reflection is not a pure reflex, not a simple symmetry effect. It is a form of encounter, a dialogue between
two sides: they recognize each other or miss each other, approach each other, or repel each other.
Sometimes the figures appear as variants of the same being, different states of an ego, different moments
that exist side by side.
For Hirsig, duality is not a contradiction, and above all it is not static, but rather a tool, a framework along
which thought can clamber. Good and evil, light, and dark, soul and body—these pairs serve not as
boundaries, but as orientation. Between them arise the nuances, the frictions, the breaks. Chaos is not
resolved; it remains as a vibrating tension.
Rather, the contrasting figures reveal a diversity of perspectives: different stories, different angles and
movements that reveal the complexity and dynamics of inner and outer worlds.

… and the inward one.
Beneath the wild surface of his paintings lies a search for structure—not in the sense of a plan, but as a
response to what the world dictates. Clear formal elements appear in the works as attempts to bring
order to the chaotic. Spirals are reminiscent of galaxies, helix shapes of the blueprint of life: everywhere
there are repetitive patterns, movements that are similar yet different.
In a world characterized by chaos, overload, and complexity, Hirsig’s painting seems to seek a quiet
counterpart—an attempt to organize the incomprehensible without taming it. His paintings are not
answers, but open questions in color. How much order is there in chaos? And how much chaos in every
order?
Painting itself becomes reflection, an attempt to shape the inner self without fixing it. An open process. In
Hirsig’s paintings, the movement of thought becomes visible, the oscillation between structure and
dissolution, between control and letting go.
The perspective of this exhibition is therefore not definitive. It is a movement between inside and outside,
between chaos and structure, between reflection and insight. It does not seek perfection, but perception.
The perspective that Hirsig paints is not external or descriptive—it is introspective. Perhaps this is
precisely where the power of the works lies: in the fact that they do not show us something but draw us
into the perspective itself.

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